Dywidag Versuchsschale (1931)

Sie hat über die Jahre viele Namen bekommen, wie zum Beispiel „Dywidag Kuppel“, „Betontempelchen“ oder auch „Dyckerhoff (Weiss) Tempel“. Die im Jahr 1931 hergestellte, unter Denkmalschutz stehende Dywidag Versuchsschale dokumentiert die Frühgeschichte des deutschen Stahlbeton-Schalenbaus.

Ein Foto, das Bautechnikgeschichte schrieb: 50 Mitarbeitende der Firma Dyckerhoff & Widmann AG (Dywidag) stehen am 17. August 1931 in Wiesbaden-Biebrich auf der Kuppelkonstruktion und bestätigen damit die Belastbarkeit der im Zentrum nur 1,5 Zentimeter und an den Rändern 2,5 Zentimeter starken Versuchsschale aus weißem Stahlbeton. Entsprechend verkleinert, entspricht das der Stärke einer Eierschale.

Bereits in den frühen Jahren seines Bestehens setzte Dywidag auf intensive Versuchs- und Forschungsarbeit, unterstützt von einem Team hochqualifizierter Fachkräfte.

Grund für die Weiterentwicklung der Schalenkonstruktion in den 1920er Jahren und somit Ausgangspunkt für das hier gezeigte Denkmal der Industriegeschichte war der Bedarf von Carl Zeiss, dem heute noch über die Landesgrenzen hinaus bekannten Jenaer Unternehmen, nach Kuppelkonstruktionen, die als Projektionsflächen für die damals modernsten Planetarien dienen sollten. Daher erhielt es auch den Namen „Schalengewölbe-System Zeiss-Dywidag“. Es folgte die Entwicklung einer Reihe verschiedener Schalenkonstruktionen für unterschiedliche Bauaufgaben, beispielsweise für die stützungsfreie Dachkonstruktionen für eine moderne Großmarkthalle in Dresden.

Dazu wurde im Jahr 1931 auf dem Dywidag Werksgelände eine Versuchsschale aus weißem Stahlbeton im Größenverhältnis 1:5 angefertigt, die seinerzeit einen Meilenstein in der Schalenbauweise darstellte. Bei dieser doppelt gekrümmten Schalenkonstruktion kam erstmals der im gleichen Jahr im deutschen Markt medienwirksam eingeführte weiße Portlandzement Dyckerhoff Weiss zum Einsatz, neu entwickelt von der Portland-Cement-Fabrik Dyckerhoff & Söhne, der Firma, die heute den Namen Dyckerhoff GmbH trägt. 

Solche Experimentalbauten dienten nicht nur der Erprobung neuer Konstruktionstechniken, sondern die spektakulären Bilder von Versuchen sollten Bauherren und Baupolizeibehörden von neuen, kaum erprobten Betonkonstruktionen überzeugen: Dem im Bild oben gezeigten „Belastungstest“ mit Mitarbeitern ging z.B. ein Test mit Sandsäcken voraus. Dabei wurde die voll- und die halbflächige Belastung mit einem Gewicht von 300 kg/m² getestet – ein Gewicht, das das der 50 Personen deutlich übertraf.

Die Geschichte der Versuchsschale:

  • 1931 Bau und erstmalige Aufstellung auf dem damaligen Dywidag Werksgelände am Biebricher Rheinufer (heute Infraserv)
    • erstellt mit einer individuell gefertigten Holzschalung
    • Bewehrung: 3 mm Maschennetz, an den Ecken zusätzlich mit Eisen verstärkt
    • Eckstützen: 20x20 cm; lichte Höhe: 2 m
    • keine geplante Nutzung des Raumes unter der Schale
  • 1937 Verlegung des Firmensitzes der Dywidag nach Wiesbaden-Erbenheim; Versuchsschale blieb jedoch auf dem Gelände des neuen Eigentümers, der Chemiefabrik Kalle; Umnutzung als Dach eines Lagergebäudes der Firma Kalle in Wiesbaden-Biebrich
  • 1974 wegen Abrissplänen der Firma Kalle Trennung der Schalenkonstruktion von den Stützen und Verbringung auf das Dywidag Firmengelände an der Berliner Straße in Wiesbaden-Erbenheim
    • nur Schale konnte versetzt werden
    • Stützen wurden für den neuen Standort neu gefertigt
    • Finanzierung durch Denkmalpflege, Stadt Wiesbaden, Zement- und Betonindustrie
  • 1975 Festigung der Schale auf der Außenfläche mit Epoxidharzmörtel
  • 1990 umfangreiche Instandsetzung anlässlich des 125jährigen Dywidag Firmenjubiläums
  • 2010 Schale wird nach Auflösung des Unternehmens Dywidag und Umnutzung des ehemaligen Dywidag Betriebsgeländes als Wohn- und Gewerbegebiet auf das Dyckerhoff Werksgelände an der Biebricher Straße in Mainz-Amöneburg (Stadt Wiesbaden) transportiert und dort, der Öffentlichkeit nicht zugänglich, gelagert
  • 2025 Versuchsschale wird wieder an einem öffentlich zu Fuß zugänglichen Ort auf neu gefertigten Stützen aufgestellt

Die seit Herbst 2025 vor dem Dyckerhoff Info-Zentrum ausgestellte Versuchsschale ist eine der wenigen dauerhaft erhalten gebliebenen Experimentalkonstruktionen des Stahlbetonbaus. Aufgrund seiner Bedeutung für die Geschichte des Bauingenieurwesens hat das Landesamt für Denkmalpflege dieses einmalige, historisch wertvolle Bauwerk in das Denkmalbuch des Landes Hessen aufgenommen.

Quellen:

Knut Stegmann: Die Dywidag-Versuchsschale in Wiesbaden-Biebrich von 1931, erschienen in Beton- und Stahlbetonbau (Sonderdruck August 2016)

Knut Stegmann & Meinrad von Engelberg: Eine Zukunft für die Dywidag-Kuppel!, erschienen in Denkmalpflege & Kulturgeschichte (Ausgabe 4-2016); Hrsg. Landesamt für Denkmalpflege Hessen